Wo sind sie hin, die guten alten Zeiten?

Heute habe ich von einer repräsentativen Studie gelesen, die die Bertelsmann Stiftung durchgeführt hat. Es wurden Bürger in allen EU-Staaten nach ihrer Einschätzung befragt, wie die Verhältnisse früher, vor einigen Jahrzehnten, waren. Was die Studie als "Nostalgie" bezeichnet, kann man zutreffender auch "Verklärung" oder noch besser "Verblendung" nennen: 67 % der EU-Bürger sind der Meinung, dass das Leben früher besser war; immerhin 61 % der Deutschen sind ebenfalls dieser Ansicht. Männer glauben das eher als Frauen, die Nostalgiker tendieren politisch eher zum rechten Spektrum.

So etwas zu lesen, macht mich sprachlos. Okay, ich hatte ja erst gestern daran erinnert, dass sich das menschliche Gehirn die Vergangenheit gern schöndenkt. Das ist sehr praktisch und sinnvoll, wenn es um die kleinen und großen Pannen geht, die man beispielsweise in der Entwicklung vom Säugling zum Jugendlichen  erlebt. Sich an jeden einzelnen Sturz, jedes undeutlich gelallte Wort und dergleichen auch nach vierzig Jahren noch zu erinnern, führt zu nichts außer Frustration. Also ab in den endlosen Mülleimer des Vergessens. Aber bitte: Bevor ich behaupte, dass damals "alles" (!) besser war, wäre es doch wirklich sinnvoll, zuerst das Hirn arbeiten zu lassen, bevor man so einen Unsinn in die Welt setzt und dann auch noch daran festhält und ihn gebetsmühlenartig wiederholt.

Frauen und Männer: Die Frauen waren überwiegend auf der Verliererseite

Mal sehen, was mir zum Thema "früher" so einfällt: Noch vor
meiner Zeit war die Gesellschaft der 1950-er Jahre von Prüderie und zahllosen Tabus geprägt. Dies machte man nicht und jenes machte man nicht. Scheidung? Undenkbar! Lieber blieb man auf Gedeih und Verderb zusammen. Eine geschiedene Frau war eine gebrandmarkte Frau. Traf man auf einen geschiedenen Mann, war man sich schnell einig: "Sie" war schuld! Im schlimmsten Fall hatte solch eine Frau auch noch Kinder. Die Steigerung von "geschiedene Frau mit Kind" war "Frau mit unehelichem Kind". Dass sich da sehr oft der Kindsvater feige vom Acker gemacht hatte: geschenkt.
Ach ja, die Rollenverteilung: In der Ehe war der Mann der Ernährer und die Frau diejenige, die sich um den Haushalt und die Kinder kümmerte. Das war in der großen Mehrheit der westdeutschen Haushalte wie in Stein gemeißelt. 
Im Artikel 3 des Grundgesetzes stand zwar schon 1949 etwas von der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen, aber was es mit dem Wortteil "gleich" auf sich hat, wurde noch lange ignoriert. 1958 wurde in einem eigenen Gleichberechtigungsgesetz festgelegt, dass Frauen zwar arbeiten gehen, aber darüber nicht ihre Pflichten als Hausfrau und Mutter vernachläsigen durften. Das nenne ich doch mal eine echte Doppelbelastung für die (wenigen) Frauen, die von diesem Recht Gebrauch gemacht haben: Kinderbetreuung gab es so gut wie keine, aber nach dem Willen des Gesetzgebers musste die Geld verdienende Frau nach Feierabend all das erledigen, wofür die klassische Hausfrau den ganzen Tag zur Verfügung hatte. Super! Sehnt sich eine Frau ernsthaft nach solchen Zuständen zurück? 

Frauen waren auch verpflichtet, kostenlos im Geschäft des
Mannes mitzuarbeiten. Dass für diese Gratisarbeit dann auch keine Rentenbeiträge eingezahlt wurden, versteht sich von selbst. Ohne Zustimmung des Mannes arbeiten zu gehen, war westdeutschen Frauen erst 1977 möglich.
Im Gleichberechtigungsgesetz wurde Frauen auch erlaubt, einen Führerschein zu machen - wenn sich der werte Gatte nicht dagegen aussprach. Mit der Hochzeit wurden Frauen damals rechtlich wie unmündige Kinder behandelt.
Erst ab 1962 durften Frauen ein Bankkonto eröffnen, ohne dafür die Erlaubnis ihres Mannes zu benötigen. Und erst seit 1994 darf eine Frau bei einer Heirat nicht mehr dazu gezwungen werden, ihren Namen abzulegen und den ihres Ehemannes anzunehmen. 1997 wurde die Vergewaltigung in der Ehe strafbar. 
Dieser Teil des Rückblicks fällt für Frauen denkbar schlecht aus. Welche Frau wünscht sich so einen Mist zurück? Und welcher moderne Mann findet dieses Rollenmodell heute noch attraktiv?

Wie war das mit der Arbeit und dem Geld?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass mein Vater, als ich ein Kind war, auch samstags arbeiten musste. In den 1970-er Jahren war das üblich. Sein Arbeitstag endete allerdings schon mittags. Das Leben als Familie fand an eineinhalb Tagen statt. Silvester und am Vormittag des Heiligen Abends wurde ebenfalls überall gearbeitet und nicht nur dort, wo Leben gerettet, Menschen transportiert oder Brände gelöscht wurden. Ich weiß von meinen Eltern, dass mein Vater in der Zeit, in der ich noch zu klein war, um mich daran erinnern zu können, auch am Samstag voll gearbeitet hat. Regulär, jede Woche. 

Das Institut der deutschen Wirtschaft hat kürzlich ausgerechnet, dass über die letzten Jahrzehnte hinweg zwar einzelne Güter wie z. B. Strom, Benzin oder Miete teurer geworden sind, dass aber trotz der gestiegenen Lebenshaltungskosten das Leben etwa so viel kostet wie vor 25 Jahren. Die Erklärung liegt in der durch gestiegene Gehälter verbesserten Kaufkraft. Merkwürdigerweise wird dieser Umstand aber von allen vergessen, die das Klagelied der gestiegenen Preise singen.

War wenigstens die Kindheit besser als heute?

Helikoptereltern waren früher unbekannt. Auch Ablenkungen durch elektronische Medien gab es erst, als Commodore den ersten Heimcomputer, den C 64, auf den Markt warf. Ich habe auch daddelnd vor dem Monitor gesessen und Spiele gespielt, über die man sich heute totlachen würde. 
In der kollektiven Erinnerung durfte man unbeaufsichtigt draußen spielen, ohne bremsende Ermahnungen auf Bäume klettern und kam erst zum Abendbrot nach Hause. Da sind sich praktisch alle einig: Das war toll.

Leider wird da einiges vergessen, was ziemlich schmerzhaft
war: Lehrern wurde es erst ab 1973 verboten, ihre Schüler zu schlagen. Da habe ich noch mal Glück gehabt, denn in diesem Jahr wurde ich eingeschult. Eltern durften ihren Kindern noch bis Oktober 2000 eine Ohrfeige geben oder sie anders züchtigen, wenn sie das bei einem Vergehen von Sohn oder Tochter für richtig befanden. Bevor das verboten wurde, waren sowohl Androhungen von Schlägen als auch die eine oder andere Ohrfeige normal und erregten keine größere Aufmerksamkeit. Ich weiß von einem Vater, dessen Söhne etwa in meinem Alter waren und der sich von ihnen während einer Autobahnfahrt derart genervt fühlte, dass er die Drei auf einem Parkplatz aus dem Auto holte und der Reihe nach vermöbelte. 

Wo ist jetzt eigentlich das Problem?

Es gäbe kein echtes Problem, wenn sich diese Vergangenheitsverklärung auf irgendwelche "Weißt du noch?"-Geschichten an der Kaffeetafel beschränken würden und ihr Ende fänden, wenn das letzte Kuchenstück vom Tortenteller verschwunden ist. Das wirklich Schlimme an diesem Hirn-aus-Verklärung-an-Verhalten ist, dass die Rückwärtsgewandtheit zu einem Lebensgefühl wird, das dazu führt, dass man sich denjenigen zugeneigt fühlt, die einem suggerieren, wieder alles so zu machen, wie es früher "besser" war. Aber es war eben nicht alles besser, nur manches. Sehr viele Dinge waren deutlich schlechter, und ich bin die Letzte, die sich die Vergangenheit zurückwünscht. Ich lebe grundsätzlich gern in der Gegenwart und will diese verstaubten Denkweisen und ideologisch-moralischen Debatten um keinen Preis zurückhaben. Es gibt in unserer Zeit ganz bestimmt einiges zu bemängeln, aber das kann kein Grund sein, sich die vergangenen Jahrzehnte zurückzuwünschen und den Rattenfängern auf den Leim zu gehen.
Nur in einem Punkt mache ich eine Ausnahme: In den 1980-er Jahren war die Musik besser als heute. 😉    
  

Kommentare

  1. Alles, was Du beschreibst, stimmt . Und trotzdem hat sich die Verschreibung von Antidepressiva in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Kann es sein, dass heute auch etwas schief läuft ?

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    1. Ich weiß nicht, ob es nicht auch darüber eine Untersuchung gibt, aber die Ursache muss nicht darin liegen, dass mehr Menschen Antidepressiva benötigen. Andere Gründe können sein: a) Es gibt mehr Fachärzte als früher b)Es gibt mehr Menschen als früher, die sich ärztliche Hilfe holen und psychische Probleme nicht mehr als Stigma ansehen c) Es gibt mehr Ärzte, die in der Lage sind, eine Depression (die in unterschiedlichen Formen auftreten kann) zu diagnostizieren.
      Nachdem ich die ersten Zeilen an dich geschrieben hatte, habe ich Google befragt und diesen Link gefunden: https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/depression/news/steigender-konsum-weltweit-warum-es-gut-ist-dass-wir-immer-mehr-antidepressiva-nehmen_id_5091985.html An b) und c) ist also etwas dran. LG, Ina

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  2. Hallo Ina - diesen Satz hört man manchmal in einer bestimmten Altersklasse. Ich glaube viele Menschen haben einfach ein Problem mit dem Tempo wie sich vieles ändert. Was heute gilt ist morgen schon wieder vorbei. Die Menschen, die Gesellschaft hat sich verändert, daß macht manchmal Angst und führt zu solchen Aussagen. Den alles was Du aufzählst möchte wohl keine Frau und hoffentlich auch kein Mann zurück. Lg. Gabi

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    1. Liebe Gabi, davon gehe ich zwar grundsätzlich auch aus, aber nach meinem Geschmack werden Situationen zu oft durch den Bauch und nicht durch den Verstand gesteuert. LG, Ina

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  3. Hallo Ins!

    Toller Beitrag!

    Ich würde noch folgendes hinzufügen:

    Mal abgesehen von den wirklich üblen Zuständen, die Du beschreibst: Ungleichheit, Gewalt, usw.

    Früher war alles "besser" weil wir jung waren. Wir waren fit, hatten Schmetterlinge im Bauch und Glückshormone. Wir lernten viel, und lernen motiviert.
    Wir verbrachten viel Zeit mit Freunden und hatten weniger Verpflichtungen. Wir hatten die Brille der unbegrenzten Möglichkeiten auf.

    Heute sind wir "erwachsen". Rennen in unsere selbstgebauten Hamsterräder. Da wir selten Selbstreflexion führen, verurteilen wir alles und alle, die nocht so sind eie wir.

    Wir sind chronische Jammerer!

    Jammern und verurteilen macht uns blind. Wir realisieren die heutigen Moglichkeiten und Vorteile nicht.

    Es ist nicht so, dass es früher besser war, sondern wir sind heute schlechter!

    Hier empfehle ich zwei amüsante Bücher für eine gesunde Selbstreflexion:

    Jammern gefährdet Ihre Gesundheit - Dani Nieth

    The Subtle Art of Not Giving a Fuck - Marl Manson

    LG
    Raffaele


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    1. Das stimmt, zu jammern scheint für viele so eine Art Grundmelodie des Lebens zu sein. Vielen Dank für die Buchtipps, ich werde sie mir mal ansehen; ich habe vor etlichen Jahren von Paul Watzlawick "Anleitung zum Unglücklichsein" gelesen. Das Buch ist schon in den 1980-ern erschienen, hat aber nichts an Aktualität eingebüßt.
      LG, Ina

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