"Liebes Tagebuch!" - ach du Schreck

Schreibt Ihr Tagebuch? So, wie man sich das vorstellt: regelmäßig und ziemlich ausführlich? Ich habe das mal gemacht. Das ist Jahrzehnte her, irgendwann in der Schulzeit, als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war. Aus heutiger Sicht stand nur Blödsinn drin: Wer gerade mit wem, welcher Junge toll ist, was meine Eltern wieder Nerviges gemacht haben... so ein pubertäres Zeug eben. Mein Tagebuch war das, was man damals eine Chinakladde nannte: Es hatte linierte Seiten und einen Buchdeckel mit einer gestickten Szene aus dem alten China. 
Als ich einmal vor einem Umzug den Inhalt der Schränke in Kisten gepackt habe, hat es seine letzte Reise in den Müllcontainer angetreten. Nein, es war kein Zeitdokument, bei dessen Lektüre meine Urenkel gesagt hätten: "Mensch, wir haben gar nicht gewusst, was da in den 1970-ern alles los war!" Es war nicht schade drum.

Seitdem habe ich kein Tagebuch mehr begonnen. Zum einen, weil ich mittlerweile vermutlich zu faul bin, das aufzuschreiben, was passiert ist; zum anderen mache ich mir die Ergebnisse der Hirnforschung zunutze: Das, was zuerst vergessen wird, ist das Negative, das im Leben passiert ist. Das, was schön war, klammert sich im Hirn fest und wird mit jeder Erinnerung daran ein kleines bisschen schöner. Diesen Schutzeffekt der Natur will ich nicht hintergehen, indem ich alle Enttäuschungen, Frustrationen und Schmerzen aufs Papier banne und mir selbst etwas schaffe, von dem ich weiß, dass es in irgendeinem Regal schlummert und bei einem unbedachten Aufschlagen des Tagebuchs nur darauf wartet, wie der böse Drache aufzufahren.  
Es gab mal eine Person in meinem Leben, über die ich mich jahrelang maßlos geärgert habe. Am Ende war mein Groll so schlimm, dass schon, wenn ich ihre Stimme am Telefon hörte, mein Blutdruck stieg. Eine Bekannte hat mir damals den Rat gegeben, mir meinen Groll von der Seele zu schreiben und so alles loszuwerden. Das habe ich versucht. Also: Laptop an, Datei öffnen, überlegen... Da brach ein regelrechter Schwall schlechter Erinnerungen über mich herein, ich wusste kaum, womit ich anfangen sollte. Drei DIN A4-Seiten sind es geworden, als ich das Laptop stinksauer zugeklappt und beschlossen habe, die Erinnerungen an die vergangenen Jahre nicht gewissermaßen ein zweites Mal zu erleben. 

Am 27. September 2018 ist im Blog der ZEIT ein Artikel erschienen, der sich unter anderem mit einem Tagebuch der 2011 verstorbenen Schriftstellerin Christa Wolf beschäftigt. Wolf ist damals einem Aufruf der Moskauer Tageszeitung Iswestija gefolgt, in dem Schriftstellerinnen und Schriftsteller gebeten wurden, einen von der Zeitung ausgewählten Tag zu beschreiben. Es war der 27. September 1960. Die Idee geht übrigens auf den russischen Schriftsteller Maxim Gorki zurück, der diesen Aufruf bereits 1935 formulierte. Christa Wolf ist dieser Aufforderung 41 Mal nachgekommen und hat von 1960 bis 2000 ihr Leben an jedem 27. September dokumentiert. Ihre Aufzeichnungen sind in ihrem Buch "Ein Tag im Jahr" erschienen. Was sich in fast allen Eintragungen wiederfindet, sind die Banalitäten des Alltags: das Wetter, die Vorbereitungen für den Geburtstag ihrer Tochter, die Schwierigkeiten beim Schreiben und die Nachrichten des Tages.

Als ich das las, dachte ich im ersten Moment: Was bringt so etwas? Macht nicht erst die Kontinuität, also das häufigere Schreiben über das Leben, den Rückblick "rund"? Der Gedanke war kaum da, als ich mich an ein ziemlich bekanntes Projekt des amerikanischen Fotografen Nicholas Nixon erinnerte, "The Brown Sisters": Seit 1975 fertigt er jedes Jahr ein Gruppenbild seiner Frau und ihrer drei Schwestern an, auf dem die vier Frauen immer in derselben Reihenfolge stehen. Das letzte Foto, das ich kenne, stammt aus dem Jahr 2014. Diese Regelmäßigkeit wirft ein Schlaglicht auf die Entwicklung der Brown Sisters, die aus den Teenagern reife Frauen gemacht hat. So, wie diese Fotoserie einen Einblick gibt, ist es auch mit Christa Wolfs Tagebuchnotizen: Sie lassen einen Rückschluss auf eine Entwicklung zu. 

Ich werde es jedoch weiterhin so halten wie bisher: Der Deckel bleibt zu, das Thema Tagebuch hat sich für mich erledigt.

Kommentare

  1. Meine China-Kladde wohnt auch noch in den Tiefen der Dir bekannten Überraschungskiste. Sicher ist es auch kein Klassiker der Weltliteratur und so wird es nach einer letzten Sichtung den Weg durch unseren Kamin finden. Die Vorstellung, dass es nach meinem Ableben das Weltbild meiner Nachfahren nachhaltig erschüttert, behagt mir nämlich auch nicht...

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    1. Genau! Aber bevor Dein Tagebuch Euer Wohnzimmer beheizt, kannst Du es mir mal ausleihen ;-)

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