Haben "wir" die Erde auf dem Gewissen? Wie zwei Wörter Diskussionen im Keim ersticken

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Wer als Mensch über 50 die sozialen Netzwerke nutzt, kennt das wahrscheinlich: Da ist eine Diskussion über den Klimawandel, die Armutsentwicklung oder das schädliche Konsumverhalten, und dann plötzlich passiert es: "OK Boomer" oder einfach nur "Boomer". Der Kommentar wird hingeschleudert. Absender sind immer Leute, die in den 1980-er oder 1990-er Jahren geboren wurden, Empfänger immer Leute, die älter als 50 sind.

Der Begriff "Boomer" bezieht sich im Kern auf die Geburtsjahrgänge der Baby-Boomer-Generation. Dazu zählen nach offizieller Definition die geburtenstarken Jahrgänge nach dem 2. Weltkrieg zwischen 1946 und 1964. In der Praxis wird das selbstverständlich nicht so eng gesehen: Ich selbst schramme knapp am Jahr 1964 vorbei, wurde aber schon als Boomer bezeichnet.

Zwischenzeitlich dachte ich, dass der Begriff schon wieder tot ist. Immerhin stammt er von 2019, und Trends im Internet sind schnelllebig. Aber nein, wenn man am wenigsten damit rechnet, wird er wieder hervorgekramt. Mit "okay Boomer" wird die Verachtung jüngerer Menschen gegenüber den ihrer Meinung nach rückständigen Ansichten der älteren ausgedrückt.

Als ich zum letzten Mal mit "okay Boomer" in Berührung kam, ging es im Netzwerk mit dem kleinen Vogel um den Klimaschutz. Aus der Ecke der Jüngeren kam der pauschale Vorwurf, unsere Generation sei für die derzeitige Situation verantwortlich und hätte alles getan, um den Planeten zugrunde zu richten. Daraufhin kamen Einwände aus der Boomer-Generation: Die meisten von uns sind viel weniger gereist als die heutigen jungen Menschen, insbesondere Fernreisen oder Wochenend-Trips z. B. nach Mallorca waren völlig unüblich. Es war nicht üblich, dass Familien mehr als ein Auto hatten. Niemand kam auf die Idee, seinen Kaffee in einem Einwegbecher spazieren zu führen. So in der Art waren die Argumente von mehreren Leuten, die alle in ihren 50-ern oder 60-ern waren.

Doch anstelle einer sachlichen Entgegnung kam nur dieses "okay Boomer". Glauben die, die das sagen, dass sie damit die ältere Generation zum Schweigen bringen? Sollte das so sein, dann ist es eine ziemlich naive Vorstellung. Vielmehr treibt so eine Reaktion eine Spaltung der Gesellschaft voran, sodass diese (noch mehr) in Lager zerfällt, die einander feindselig gegenüberstehen. Und das, obwohl es immer wichtig ist und sein wird, die Kommunikation zwischen den Generationen am Leben zu erhalten. Das gelingt jedoch nicht, wenn Menschen nur aufgrund ihres Alters pauschal als unwissend gebrandmarkt werden und damit gleichzeitig ihre Meinung als unwichtig und vernachlässigbar einsortiert wird.

Wenn jetzt schon der Umstand, früher geboren zu sein, genügt, um Menschen auszugrenzen, und dieses Verhalten bei den Jüngeren Zustimmung auslöst, sehe ich für unsere Diskussionskultur rabenschwarz.

Kommentare

  1. Krass, wie so ein menschliches Gehirn arbeiten kann!
    Aber wenn ich mal eine Expertenmeinung brauche, werde ich mich nicht auf den Socials umhören.
    LG
    Sabiene

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    1. Das hat, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auch keinen Sinn. LG, Ina

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  2. Nein, wir haben die Erde nicht auf dem Gewissen. Das hat die Menschheit insgesamt.
    Energisch ablehnende Grüße von der Pfälzerin

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    1. Das sehe ich genauso. Jeder trägt dafür ein Stück Verantwortung. Aber auf andere zu zeigen ist nun mal viel angenehmer.
      Beruhigende ;-) Grüße von der Niedersächsin

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