Würde bis zum Schluss?

Kürzlich hat mir eine Bekannte erzählt, dass ihre Mutter verstorben ist. Die Seniorin war schwer krank, ihr Tod hat niemanden überrascht. Die Erkrankungen, an denen sie litt, waren in den letzten Wochen sehr schmerzhaft, sodass die Familie nach einer Lösung gesucht hat, der Mutter ein würdiges und möglichst schmerzarmes Sterben zu ermöglichen. Die Optionen, die Hausärzte haben, sind bei Schwerstkranken ziemlich schnell erschöpft. Glücklicherweise war ein Platz in der Palliativstation eines hannöverschen Krankenhauses frei. Dort haben Ärzte mehr Alternativen, ihren Patienten mit Schmerzmitteln, die Betäubungsmittel enthalten, zu helfen. Auch die Pflegekräfte können dort flexibler sein und müssen sich nicht an feste Zeiten wie z. B. bei der Essensausgabe halten, wie es in den anderen Stationen üblich ist. Dort können Patienten allerdings nur für maximal eine Woche bleiben. Danach müssen die Angehörigen überlegen, wie es weitergehen soll.

Ganz vorn auf der Wunschliste von Todkranken stehen - neben dem eigenen Zuhause - Hospize. Dort kann ähnlich behandelt werden wie in den Palliativstationen: Die Schmerzen werden genommen, es ist Zeit für menschliche Zuwendung vorhanden. Auch die Seniorin sollte dorthin. 
Als sie sich erkundigte, wo ein Platz für ihre Mutter frei sein könnte, erfuhr meine Bekannte, dass es für die ganze Region Hannover gerade mal drei Hospize mit insgesamt 21 Betten gibt. Die Region Hannover umfasst die Landeshauptstadt und 20 benachbarte Kommunen, insgesamt leben hier etwa 1,2 Millionen Menschen. Alle drei Häuser führen eine Warteliste; angesichts der kurzen noch verbleibenden Lebenserwartung der Kranken, die für eine Hospizbetreuung überhaupt infrage kommen, ist das schon fast makaber.
Alle Hospize weisen zwar darauf hin, dass sie mit den Krankenkassen abrechnen können, sie sind aber auf Spenden angewiesen: Das, was die Kassen übernehmen, reicht hinten und vorn nicht.

Ja, es gibt hier auch noch eine ambulante Palliativ- und Hospizversorgung, aber insgesamt finde ich das, was Todkranke am Ende ihres Lebens erwartet, erschreckend: Ob man würdig sterben kann, ohne dass Angehörige mit der häuslichen Pflege überfordert werden und körperlich und seelisch auf dem Zahnfleisch gehen, hängt davon ab, ob andere Menschen schnell genug sterben und die Warteliste sich möglichst zügig verkürzt. Ich merke, wie bedrückend ich die Vorstellung finde, einmal in eine solche Situation zu geraten, für mich selbst oder einen mir nahestehenden Menschen. Auch in so einem Fall hilft wohl vor allem eine Portion Glück.

Kommentare

  1. Liebe Ina, woher stammt die Info, dass man auf der Palliativ nur eine Woche bleiben darf? Meine Mutter war zwar insgesamt nur 6 Tage auf der Station, aber sie hätte so lange bleiben dürfen wie nötig.
    LG, Claudia
    https://www.dsfo.de/fo/viewtopic.php?t=38767

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    1. Liebe Claudia, das hat mir diese Woche die Tochter der Verstorbenen berichtet, die sich um alles gekümmert hat. Der Aufenthalt in der Palliativstation des Krankenhauses war von vornherein auf eine Woche begrenzt, der in einem Hospiz hätte keine zeitliche Beschränkung gehabt. Ich habe deinen Text gerade gelesen. Er ist sehr berührend.
      LG, Ina

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