Wie sieht er aus, der "richtige" Deutsche?

Ich bin Deutsche, und zwar in der x-ten Generation. Soll
heißen: Die Generationen meiner Familie, von denen ich weiß, bestanden nur aus Deutschen. Das ist kein Verdienst, sondern nur eine schlichte Tatsache. Ich habe dunkelbraune Augen und hatte, bevor der Wechsel zum "Altersblond" stattfand, braune Haare. Die Haare sind zwar immer noch braun, aber nicht mehr ohne Nachhilfe.

Als ich noch jung war, gab es eine Phase, in der meine Haare etwa hüftlang waren. Damals wurde ich oft von Türken, Griechen oder Spaniern in deren Muttersprache angesprochen, weil sie mich für eine von ihnen hielten.
Wenn ich im Urlaub in einem Land bin, dessen Sprache ich nicht spreche, eigne ich mir vorher die wichtigsten Vokabeln an: "Guten Tag", "auf Wiedersehen", "bitte" und "danke" sind das Minimum. Dabei ist es mir in Griechenland und Spanien immer wieder passiert, dass ich nach dem ersten "kalimera" oder "bon dia/buenos dias" für eine Einheimische gehalten wurde und man mir entsprechend antwortete. Die Erkenntnis, dass ich eine Touristin bin, war meistens mit einem Moment des Erstaunens verknüpft.

Meine Tochter hat eine Freundin mit afrikanischem Aussehen, die in Berlin lebt. Diese Freundin wurde in Deutschland geboren und hat ein deutsches und ein afrikanisches Elternteil. Sie ist hier aufgewachsen, zur Schule gegangen und hat eine Ausbildung im sozialen Bereich gemacht. Sie arbeitet in ihrem erlernten Beruf und hat einen deutschen Namen. Schon vor fünf oder sechs Jahren hat sie erzählt, dass sie in Brandenburg, also einen Steinwurf entfernt, nicht leben könnte, weil sie dort angefeindet werden würde. Dort gäbe es sogar Gegenden, in denen sie mit tätlichen Angriffen rechnen müsste. Das war keine Spekulation, diese Ausage beruhte auf ihren selbst gemachten Erfahrungen.

Die junge Frau, die sich als Podologin alle paar Wochen um meine Füße kümmert, hat ebenfalls ein deutsches und ein afrikanisches Elternteil. Auch sie wurde hier geboren, ging hier zur Schule, machte eine Ausbildung und arbeitet in ihrem erlernten Beruf. Sie hat ebenfalls einen deutschen Namen. Dass die teilweise afrikanische Abstammung nicht zu übersehen ist, muss eigentlich nicht extra erwähnt werden, ich mache es aber trotzdem. Während der Behandlung hat man Zeit zum Reden. Sie erzählte mir, dass es Gegenden gibt, in die sie sich nicht traut, weil sie Angst hat, angegriffen zu werden. Anfeindungen kennt auch sie.

Wenn ich mir das anhöre, werde ich nicht (nur) traurig, sondern stinkwütend. Wo sind wir denn, dass Einzelne glauben, sich über andere erheben zu können und ihnen das Leben schwer machen, weil sie anders aussehen? Was geht vor in diesen Köpfen, dass Mitbürger behandelt werden wie Vogelfreie, wenn sie sich in heiklen Gegenden aufhalten? Nein, ich korrigiere mich: Nicht die Gegend an sich ist heikel, sondern Menschen, die dort leben. Ihr, die ihr den Menschen nachstellt, weil sie nicht so aussehen, wie ein Deutscher eurer Meinung nach auszusehen hat, seid die, die das Problem sind - nicht, die, die ihr euch als Problem ausgeguckt habt. Wenn ihr euch mit den beiden jungen Frauen vergleicht, was glaubt ihr, zeichnet euch ihnen gegenüber aus? Ich will jetzt nicht so einen Quark wie "die Farben von Augen, Haaren und Haut" hören. Das ist Genetik, kein Verdienst. Auch, wer eure Eltern sind, ist nicht euer Verdienst, sondern ein Mix aus Biologie, Verhaltenspsychologie und Instinkt. Und ganz viel Zufall.

Ich habe mir auch darüber Gedanken gemacht, wie mein Leben hier aussehen könnte, wenn diese unselige Strömung in Politik und Alltag noch mehr Raum einnimmt. Ich stelle mir vor, wie es ist, wenn mich jemand, der findet, dass die beiden oben genannten Frauen hier nichts zu suchen haben, ansieht. Was er sieht, ist eine südländisch aussehende Frau - diesen Begriff nimmt ja auch die Presse gern, wenn sie nicht "dunkle Haare, dunkle Augen, dunkle Haut" schreiben will - mit Behinderung. Im Geiste gratuliere ich mir gerade selbst zu dieser Mischung.






Kommentare

  1. Ich frage mich, ob diesen Leuten eigentlich klar ist, dass sie sich, wenn sie gewisse Parteien wählen und/oder Gedankengut verbreiten, aktiv dafür einsetzen, dass Menschen sterben. Und warum? Wegen einer völlig unbegründeten Behauptung, dass Ausländer ihnen die Arbeit nehmen und sie verhungern müssen. Wohlgemerkt ist den meisten so etwas noch nie passiert. Ist das irgendwie genetisch oder warum lernen die Menschen nicht aus der Vergangenheit?
    Grüße
    Tina

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    1. Liebe Tina,
      das hat mit Rationalität nichts mehr zu tun, eher mit Manipulation. Und es lenkt bestens von der eigenen möglicherweise unbefriedigenden Situation ab, wenn man auf andere zeigen kann.
      Viele Grüße, Ina

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