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| Bild KI-generiert |
Ich bin glücklich sagen zu können, dass ich sehr lange von Herabsetzungen, die im Zusammenhang mit meiner Behinderung stehen, verschont geblieben bin. Wenn ich ehrlich bin, kann ich mich kaum an das letzte Mal erinnern.
Bis vor Kurzem. Jetzt kann ich sogar ein konkretes Datum nennen: Es war der 21. September dieses Jahres. Ich hatte gemeinsam mit meinem Bruder einen wichtigen Termin. Das Ehepaar, das wegen desselben Termins auf uns wartete, trafen wir vor Ort zum ersten Mal. Die beiden waren etwa in meinem Alter. Wir wussten so gut wie nichts voneinander.
Mein Bruder ist älter als ich und seit einigen Jahren Rentner. Nach einigen Minuten Smalltalk wandte sich der Mann an ihn: "Was haben Sie denn früher beruflich gemacht?" Mein Bruder antwortete, der Mann nickte. Es war offensichtlich, dass er mit dem früheren Beruf meines Bruders nicht viel anfangen konnte.
Dann kam der Moment, in dem ich bei einem normalen Gesprächsverlauf ebenfalls nach dem, was ich einmal beruflich gemacht hatte, gefragt worden wäre. Statt dessen warf mir der Mann zeitgleich mit seiner Frau einen flüchtigen Blick zu. Der Moment verstrich, die Frage wurde nicht gestellt.
Statt dessen sah der Mann zwischen meinem Bruder und mir hin und her. "Wohnen Sie beide zusammen?"
Ich schüttelte den Kopf, wahrscheinlich habe ich auch unwillkürlich die Stirn gerunzelt. "Warum sollten wir?", fragte ich zurück. In meinem Gesicht muss ein großes Fragezeichen gestanden haben.
Der Mann zuckte die Schultern. "Ich dachte nur."
Dieser Blog ist der einer Dreibeinigen. Ich erwähne das immer mal wieder (z.B. hier), weil sich nicht jedes Thema hier um meine Behinderung dreht. Es gibt ja schließlich noch andere Dinge auf der Welt. Aber offenbar gibt es immer noch Menschen in unserer Gesellschaft, die sechzig Jahre alt werden, ohne in ihrem Leben Kontakt zu Behinderten gehabt zu haben. Anders kann ich mir das Verhalten dieses Paares nicht erklären.
Ich hätte ihnen sagen können, das ich vor vierzig Jahren Abitur gemacht habe, einen guten Job hatte, zwei Kinder habe und verheiratet bin. Alles Dinge, die ohne die Behinderung leichter gewesen wären. Aber obwohl ich mich im Gespräch vorher bereits eingebracht hatte, überwog bei diesem Paar der Eindruck, den meine Gehbehinderung auf es machte. Die beiden trauten mir nicht zu, ein halbwegs normales Leben zu leben. Sie trauten es mir nicht zu, weil ich nicht gerade gehen kann. Ich dachte wirklich, dass es solche Menschen, die vom körperlichen Status auf die kognitiven Fähigkeiten schließen, nicht mehr gibt. Ich war naiv.
Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns noch einmal begegnen, ist sehr gering. Wir wohnen in verschiedenen Gegenden Niedersachsens und bewegen uns in unterschiedlichen Kreisen. Aber wenn, dann ...
Wann ist es dir zum letzten Mal passiert, dass dich Menschen nach ihrem ersten Eindruck behandelt haben und du dich abgewertet gefühlt hast?

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